Von Stechmücken übertragene Infektionskrankheiten:
ein Überblick.

Von Sebastian Haas, leicht verändert - © 2005

 

Malaria

Weltweit leben auch heute noch etwa 40 % der Weltbevölkerung mit dem Risiko an dem durch Anopheles-Mücken übertragenen Malaria zu erkranken. Vor allem die ärmsten Regionen der Tropen und Subtropen sind jährlich mit über 300 Millionen akuten Infektionen und etwa einer Million Todesfälle betroffen (RBM-WHO Infosheet). Dabei zeichnet sich ein Teufelskreis aus Armut und mangelnder Gesundheitsvorsorge ab: die enormen Ausfälle Erwerbstätiger durch Malaria, oft in Verbindung mit anderen Krankheiten wie Tuberkulose, Unterernährung und AIDS schwächen die Wirtschaftskraft ganzer Regionen (RBM-WHO Infosheet). Aus Mangel an finanziellen Mitteln greifen moderne Strategien der Medikation und Seuchenbekämpfung oft zu kurz, was wiederum das Eindämmen von Epidemien erschwert.

Der großflächige Einsatz von DDT, wie auch anderer Insektizide führte in relativ kurzer Zeit zur Ausbildung von resistenten Mückenpopulationen (WIRTH et al., 2004; HEMMINGWAY et al., 2004; TRIPATHI et al., 2004). Daneben haben sich auch unter den eigentlichen Erregern der Malaria, den Plasmodien, Resistenzen gegen allzu großzügig verwandte Medikamente, wie Chloroquin, Mefloquin, Halofantrin und Primaquin ausgebildet (SPIELMAN & D´ANTONIO, 2001).

Gelbfieber

Obwohl es gegen das Gelbfieber seit Jahrzehnten einen hochwirksamen Impfstoff gibt, verzeichnet die Weltgesundheits-Organisation (WHO) eine wieder zunehmende Zahl infizierter Menschen in Afrika und Südamerika (WHO Fact sheet N° 100). Grund hierfür ist die zu niedrige Impfquote: sie liegt meist weit unter den erforderlichen 85 %. Mücken übertragen die Flaviviren des Gelbfiebers immer wieder von den als Reservoir-Wirt fungierenden Affen auf Waldarbeiter und Jäger. Die so mit dem „Jungle Yellow Fever“ infizierten Menschen transportieren das Virus in die Ballungsräume. Dort schließlich führt das aggressive Blutsaugeverhalten der eng mit den Menschen vergesellschafteten Stechmücke Aedes aegypti zur Übertragung der Viren von Mensch zu Mensch. Dieses sogenannte „Urban Yellow Fever“ führte bereits zu großen Epidemien über weite Landstriche hinweg. Die WHO schätzt, dass dieser Infektion jährlich rund 30 000 Menschen zum Opfer fallen, bei etwa 200 000 Fällen weltweit. Ein Infektionsrisiko bestehe demnach für mindestens 42 Länder mit insgesamt über 600 Millionen Einwohnern (WHO Fact sheet N° 100).

Dengue und Dengue-hämorrhagisches Fieber

Im Gegensatz zu Gelbfieber ist gegen Dengue und das hämorrhagische Denguefieber (DHF) noch kein Impfstoff entwickelt worden. Auch dürfte sich die Entwicklung eines Serums als äußerst schwierig gestalten, da nicht weniger als vier verschiedene Serotypen dieses Flavivirus bekannt sind (CDC-Dengue). Aktuell sind etwa zwei Fünftel der Weltbevölkerung von einer Dengueinfektion bedroht. Die WHO schätzt die Zahl der weltweit pro Jahr auftretenden Fälle auf 50 Millionen (WHO Fact sheet N° 117). In den zurückliegenden Jahrzehnten war zudem eine dramatische Ausbreitung der hämorrhagischen Variante zu verzeichnen. Mit einer Letalrate von 2,5 - 5 % der Infizierten, wird das DHF hauptsächlich Kindern zum Verhängnis. Waren vor 1970 nur neun Staaten von DHF betroffen, so erhöhte sich die Zahl bis 1995 auf mehr als das Vierfache (WHO- TDR-Dengue).

Diese enorme Zunahme erklärt sich zum Teil durch die stark anwachsende Bevölkerungsdichte in großen Ballungsräumen. Gerade in ärmeren Regionen, den Favelas und Slums, leben Menschen auf engstem Raum zusammen. Häufig fehlt ein Anschluß an das Trinkwassersystem, so dass Zisternen verbreitet sind, welche den Mückenlarven von Ae. aegypti als Lebensraum dienen. Zudem ist meist die Müllentsorgung unterentwickelt, wodurch sich in tropisch humidem Klima unzählige Joghurtbecher, Dosen und Kanister zu „Kleinstgewässern“ entwickeln, die für die anspruchslosen Larven von Ae. aegypti ausreichende Biotope darstellen (SCHAFFNER et al., 2001; BECKER et al., 2003). Ein solches Umfeld ist geradezu ideal für diese tagaktive, aggressive Stechmücke, welche nicht nur der bedeutendste Überträger für Gelbfieber-, sondern auch für Denguefieberviren ist (WHO Fact sheet N°117). Neben Ae. aegypti sind auch die sich weltweit ausbreitende Tigermücke Aedes albopictus und die im tropischen Pazifik heimische Aedes polynesiensis wichtige Überträger von Dengue.

Weitere von Stechmücken übertragene Krankheiten

Neben diesen, bei weitem gefährlichsten Infektionen übertragen Stechmücken (Culicidae) eine ganze Reihe von weiteren veterinär- und humanmedizinisch relevanten Krankheitserregern: Endoparasiten der tropischen Elephantiasis, diverse Filariasisformen und neben den oben genannten Gelbfieber- und Dengue-Erregern viele weitere Viren (Zusammenfassung in: EDMAN & ELDRIDGE, 2000; SCHAFFNER et al., 2001; MEHLHORN & PIEKARSKI, 2002). Wie die Ausbreitung des bis dahin nur in Afrika und Europa bekannten West-Nile-Virus in jüngster Vergangenheit in Nordamerika zeigte, sind ähnliche Krankheiten dabei keinesfalls nur auf die Tropen begrenzt: das im Sommer 1999 erstmals in New York D.C., USA, entdeckte West-Nile-Virus erreichte bereits 2003 die Bundesstaaten der US-Westküste. Von 4000 Fällen mit 300 Toten im Jahr 2002 stieg die Zahl der Betroffenen auf beinahe 9000 im Jahr 2003 (EDMAN, 2004).

Durch den internationalen Warenverkehr wurde vor kurzem in Europa ein weiterer Überträger des West-Nile-Virus eingeführt (REBORA et al., 1993; REITER, 1998). Die in den Tropen und Subtropen als Dengue-Überträger gefürchtete Tigermücke Aedes albopictus hat sich bereits in Albanien, Italien, Frankreich, Belgien und Teilen der Schweiz etabliert (pers. Mitt. GUERIN, 2004). Sie gilt zudem als potentieller Überträger für eine Vielzahl weiterer human- und veterinärmedizinisch relevanter Pathogene (SCHAFFNER et al., 2001).

Eine Übertragung dieser Infektionskrankheiten von einem infizierten Menschen via Stechmücke auf einen Gesunden ist nur möglich, wenn ein und dieselbe Mücke mindestens zweimal an verschiedenen Personen Blut saugen kann. Daher sind Stechmücken mit einer Vorliebe für Menschen – die sogenannten anthropophilen Spezies – wie zum Beispiel Aedes aegypti oder Anopheles gambiae besonders effektive und damit gefährliche Vektoren für Infektionskrankheiten (CLEMENTS, 1992).

Modernes Management der Stechmückenpopulationen in Risikogebieten

Von der noch Mitte des letzten Jahrhunderts intensiv verfolgten Utopie vom vollständigen Ausrotten der Stechmücken durch DDT und andere Insektizide hat man sich verabschiedet. Die Bemühungen zielen heute vielmehr auf eine realistische Risikominimierung ab, indem versucht wird Brutstätten der Mücken in der Nähe von Siedlungen aufzuspüren und zu zerstören, sowie die Fiebermücken durch gezielten, wohl dosierten Insektizideinsatz zu dezimieren (pers. Mitt. EIRAS, 2004).

Ein möglichst detailliertes Wissen über den Erreger, aber auch über den Vektor stellt das Kernstück der modernen Seuchenbekämpfung dar. In Bezug auf Stechmücken bedeutet dies, dass Partnerfindung, Eiablageverhalten, Larvalentwicklung, die Ortung von Kohlenhydratquellen und vor allem die spezifische Auswahl der Blutwirte – um nur die wichtigsten zu nennen – Gegenstand intensiver Forschung sind. Entomologen gewinnen beispielsweise durch Verhaltenstests in Freiland und Labor neue Erkenntnisse über attraktive und abschreckende Stimuli dieser Lebensstationen. Mit chemischer Analytik und physiologischen Messungen wird versucht, diese – meist olfaktorischen – Stimuli zu definieren und zu quantifizieren.

Die Elektrophysiologie untersucht die Reaktion von Rezeptorzellen der Sinnesorgane als Antwort auf das Einwirken solcher Stimuli auf das Insekt. Diese Disziplinen werden seit einigen Jahren unter dem Begriff der Chemischen Ökologie vereint und haben u.a. zur Entwicklung der sogenannten olfaktorischen „Push and Pull-Strategie“ beigetragen:

Repellentien (Schreckstoffe) halten dabei die Mücken von Menschen fern, Attraktanzien (Lockstoffe) locken sie in spezielle Mückenfallen. Letztere dienen dabei in erster Linie der Bestandsüberwachung (engl. monitoring oder surveillance) und können so ein Massenauftreten frühzeitig zu erfassen. Die eigentliche Dezimierung der Stechmücken kann dann relativ kleinräumig und bedarfsgerecht mit Insektiziden erfolgen. Dadurch wird das Risiko der Resistenzbildung verringert, unnötige Umweltbelastungen und finanzieller Aufwand werden minimiert.

Literatur

  • BECKER, N.; PETRIC, S.; ZGOMBA, M.; BOASE, C.; DAHL, C.; LANE, J. & KAISER, A. (2003). Mosquitoes and their Control. Kluwer Academic/ Plenum Publishers. New York, Boston, Dordrecht, London, Moscow
  • CDC-Dengue: http://www.cdc.gov/ncidod/dvbid/dengue/ (16.02. 2005)
  • CHARLWOOD, J. D.; BILLINGSLEY, P. F. ; HOC, T. Q. (1995). Mosquito-mediated attraction of female European but not African mosquitoes to hosts. Ann. Trop. Med. Parasitol., 89, 327-9.
  • CLEMENTS, A. N. (1992). The biology of mosquitoes, Volume I. London: Chapman & Hall
  • EDMAN, J. D. & ELDRIDGE, B. F. (Hrsg.) (2000). Medical Entomology. Dordrecht, Boston, London: Kluwer Academic Publishers
  • EDMAN, J. D. (2004). North American invasion, epidemic spread and control of West Nile Virus. Abstracts of Papers, 227th ACS National Meeting, Anaheim, CA, United States, March 28-April 1, 2004.
  • HEMMINGWAY, J.; HAWKES, N. J.; MCCARROLL, L. & RANSON, H. (2004). The molecular basis of insecticide resistance in mosquitoes (General Review). Insect Biochemistry and Molecular Biology, 34(7), 653-665.
  • MEHLHORN, H. & PIEKARSKI, G. (2002). Grundriss der Parasitenkunde. 6. Aufl. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.
  • REBORA, A.; RONGIOLETTI, F. & RAINERI, V. (1993). Aedes albopictus in Europe: a new challenge for dermatologists. Dermatology 187(1): 6-8.
  • REITER, P. (2003). Aedes albopictus and the world trade in used tires, 1988-1995: the shape of things to come? Journal of the American Mosquito Control Association 14(1), 83-94.
  • RMB-WHO Infosheet: http://mosquito.who.int/cmc_upload/0/000/015/372/RBMInfosheet_1.htm (16.02.2005)
  • SCHAFFNER, F.; ANGEL, G.; GEOFFROY, B.; HERVY, J.-P.; RHAIEM, A. & BRUNHES, J. (2001). Les Moustiques d´Europe; EID Mediterraneé, Centre IRD de Montpellier, France; IRD Éditions.
  • SPIELMAN, A. & D'ANTONIO, M. (2001) Mosquito - A Nautal History of Man's Most Persistent and Deadly Foe. New York: Hyperion.
  • TRIPATHI, A. K.; PRAJAPATI, V.; AHMAD, A.; AGGERWAL, K. K. & KHANUJA, S. P. P. (2004). Piperitenone oxide as toxic, repellent, and reproduction retardant toward malarial vector Anopheles stephensi (Diptera: Anophelinae). Journal of Medical Entomology 41(4), 691-698.
  • WHO- TDR-Dengue: http://www.who.int/tdr/diseases/dengue/direction.htm (16.02. 2005)
  • WHO fact sheet N° 100: http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs100/en/print.html (16.02. 2005)
  • WHO fact sheet N° 117: http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs117/en/print.html (16.02. 2005)
  • WIRTH, M. C.; DELECLUSE, A.; WALTON, W. E. (2004). Laboratory selection for resistence to Bacillus thuringiensis subsp. jegathesan or a component toxin, Cry11B, in Culex quinquefasciatus (Diptera: Culicidae). Journal of Medical Entomology 41(3), 435-441.
 
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